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Poesie hinterlässt Spuren

LyrikPark 2008 - Ins Offene, ins Blaue

11.-13. Juli 2008, Marienfriedhof, Hildesheim

 

von Siggi Stern 


Zwei Monate ist es nun her, dass wir, die KulturFabrik Löseke und das Forum Literaturbüro, einen ehemaligen Hildesheimer Friedhof und heutigen Park mit einem großen Fest der feinen Sinne bespielt haben. Mittlerweile ist es Herbst geworden, und dort, wo vom 11. bis 13. Juli der erste LyrikPark stattgefunden hat, haben sich unzählige Kaninchen wieder ihr angestammtes Revier zurückerobert.

 

Zwar finden sich noch einige wenige Hinterlassenschaften, wie zum Beispiel der „Baum der Poesie“, eine kleine, blattlose Eiche, die in einer Schreib- und Druckwerkstatt von Teilnehmern mit selbstverfassten Dreizeilern wieder belaubt wurde, aber ansonsten scheint es, als wäre der Marienfriedhof nach seinem kurzen, sommerlichen LyrikPark-Ausflug einfach wieder in den Alltag zurückgekehrt.

 

Doch nur äußerlich, denn wer, wie tausende andere Besucher, während des dreitägigen Kunst- und Literaturfestes auf dem 3,5 Kilometer langen Wegenetz durch den Park unterwegs war, der kann alles noch deutlich vor sich sehen. Hier das „Blaue Feld“ der Kölner Künstlergruppe „Libronauten“, bei dem sich 160 blaue Schmetterlinge, die auf den Flügeln japanische Haikus trugen, auf biegsamem Rohr im Wind wiegten. Dort die Installation „Love Letters“, die in einem Workshop mit inhaftierten Frauen aus der JVA Hildesheim entstanden war, und für die eine ehemalige Grabumfriedung mit einer echten Gefängnistür und Stacheldraht, an dem Fetzen aus Liebesbriefen hingen, verfremdet wurde. Und dazwischen das romantische Gedicht „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Friedrich Rückert, das die Hamburger Künstlerin Alexandra Vigh in Fragmente zerlegt und auf großen, kräftig leuchtenden Tafeln zwischen die Bäume gehängt hatte.

 

Unter dem Motto „Ins Offene, ins Blaue“ beteiligten sich 100 Künstler mit 150 Lyrik-Installationen, um, wie es Jo Köhler vom Forum Literatur in der Ausschreibung formuliert hatte, Ausgesprochenes oder Unausgesprochenes zu „materialisieren“. Über den ganzen Park, auf Wegen, Bäumen und Rasenflächen, hatten sie Gedicht-Objekte verteilt, von denen viele extra für den LyrikPark entstanden waren oder sogar erst dort vor Ort realisiert wurden. So kniete Hannes Neubauer, Student der Metallgestaltung, während der gesamten Veranstaltungszeit auf 2 cm dicken Stahlplatten und arbeitete mit dem Schneidbrenner, unter grellem Funkenflug, überdimensionale Schriftzeichen aus dem tonnenschweren Material. Am letzten Tag lagen dann endlich die 2,40 Meter hohen Buchstaben M, O, R und T fertig ausgeschnitten hintereinander, bevor unter der Beteiligung vieler LyrikPark-Besucher das M mit Hilfe eines Seils und einer Umlenkrolle aufgerichtet wurde und schließlich ein W ergab. Das Team um Ideengeber Hans Lamb, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst, hatte somit eine Skulptur geschaffen, die das Gewicht des Wortes mehr als nur symbolisierte.

 

Mit weniger Action verbunden, aber mindestens genauso spektakulär, war die „Bibliothek der vergessenen Bücher“, die „Ameis Buchecke“, eine Hildesheimer Buchhandlung, entlang der Mittelallee eingerichtet hatte. In zwölf Vitrinen, gebaut aus alten Fensterläden und Kinoschaukästen, wurden Werke von „verbrannten“, verbotenen und vertriebenen Autoren der NS-Zeit ausgestellt. Ernst Wiechert, Franz Blei oder Vicki Baum - zu ihrer Zeit waren sie berühmt und geachtet, erhielten Preise und Anerkennung, und sind doch heute weitgehend vergessene Persönlichkeiten. Wer mochte, konnte ein Buch herausnehmen, es durchblättern, hineinlesen und anschließend wieder zurücklegen. Ein blauer Stuhl in der Nähe bot Platz, um sich in Ruhe zu erinnern oder etwas völlig neu zu entdecken.

 

Entdeckungen ließen sich jedenfalls während des langen Lyrikwochenendes zu Genüge machen. Denn neben den Installationen gab es schließlich noch den historischen Pfad, für den an verschiedenen Orten im Park auf Tafeln die Geschichten des Marienfriedhofs erzählt wurden. Wie jene vom ersten Hildesheimer Totenhaus, das 1835/ 36 im Schatten des großen Gründungskreuzes errichtet wurde, genau dort, wo beim LyrikPark die Hauptbühne stand. In diesem hatte der angestellte Totengräber nicht nur zu wohnen, er musste dort auch über die aufgebahrten Leichen wachen. Deren Hände waren dazu über lange Schnüre mit einem Weckapparat verbunden, der sofort Alarm schlagen sollte, wenn sich diese, trotz aller vorherigen ärztlichen Diagnosen, doch noch bewegten. Schließlich herrschte zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine große Angst davor, Scheintote bei lebendigem Leib zu begraben. Diese Furcht schlug sich natürlich auch in den Erzählungen jener Zeit nieder, wie zum Beispiel in Edgar Allen Poes Geschichte „Lebendig begraben“, die wiederum den Titel für eine mitternächtliche Gruselwanderung lieferte, die Michaela Allendorf und Katja Kendler vom Theater für Niedersachsen extra für die mutigsten LyrikPark-Besucher inszeniert hatten.

 

Nicht nur im Ausstellungsprogramm, auch unter den 30 Bühnenveranstaltungen tummelten sich zuhauf Hildesheimpremieren und Einzigartigkeiten. Dazwischen auch Aktionen, die sich im Gegensatz zum klassischen Lesungsformat ihr Publikum manchmal ganz unverhofft mitten im Park schnappten und gefangen hielten. So richtete die Ignous Theatergruppe aus Ginsheim in ihren weißen Kitteln eine mobile Lyrik-Ambulanz ein, und leistete immer genau dort Erste Hilfe mit Gedichten, wo sie am dringendsten benötigt wurde. Im Mitmach-Bereich fertigte der Clown und Dichter Gerhard Pleus in MäcPoets Gedichtebude nach Einwurf von einem Euro jedem auf Vorgabe ein kleines Stehgreifgedicht an, das dann quasi als „lyrik to go“ einfach mitgenommen werden konnte.

 

Ob im Park oder auf der Hauptbühne, für die Programmmacher bedeutete Lyrik stets Vielfalt. Sie kam vor in Musik, Lesungen, Kabarett oder interaktiven Wortspielereien. International bekannte Künstler, wie der niederländische Klangpoetiker Jaap Blonk, der russische Autor Wjatscheslaw Kuprijanow oder Irith Gabriely, die Queen of Klezmer, trafen auf ein Literaturprojekt der Elisabeth-von-Rantzau-Schule oder die Schreibgruppe von KunstWerts e.V., einem Verein, der integrative Kurse für Menschen mit und ohne Psychiatrieerfahrung anbietet. Hoch- und Soziokultur gingen Hand in Hand, Slampoetry folgte auf Volksmärchen, und alles fand seinen Platz und seine Zuhörerschaft. Ganz zum Schluss sendete der lokale Bürgerfunk dann noch das „LyrikPark Radio“, für das die KulturwerKer, eine Gruppe von arbeitslosen Jugendlichen, die in der KulturFabrik an einem Qualifizierungsprojekt teilnehmen, die Folgen einer Hör-Soap geschrieben hatten.

 

Und das alles auf dem Marienfriedhof, der einerseits mit seinen 100 verbliebenen Grabsteinen wie eine Insel der Ruhe inmitten der belebten Hauptverkehrsadern Bahn und Bundesstraße liegt, der andererseits aber, trotz seiner zentralen Lage, bei vielen Hildesheimer Bürgern weitgehend unbekannt ist oder als „Unort“ gilt, dessen Image mit Trinkertreff und Drogenkonsum verbunden ist. In einem Park also, der wie gemacht scheint für dieses besondere, grenzüberschreitende Fest, durch das er nun behutsam aus dem Dornröschenschlaf gekitzelt wurde.

 

Die schwergewichtige W_ORT-Skulptur befindet sich übrigens mittlerweile auf dem Hügel vor der Hildesheimer Michaeliskirche, wo sie, als weitere, weithin sichtbare Spur der Poesie, nun bis zu deren 1000-Jahr-Jubiläum 2010, eine Zwischenstation macht. Dann wollen wir auch den nächsten LyrikPark im Marienfriedhof stattfinden lassen, um dort wieder viele Menschen zum Flanieren, Verweilen und Innehalten zu verführen.

 

Der LyrikPark 2008 wurde gefördert vom Land Niedersachsen, der Niedersächsischen Lottostiftung, der Klosterkammer Hannover, der Friedrich Weinhagen Stiftung, der Stadt Hildesheim, dem Job-Center Hildesheim und der Bürgerstiftung Hildesheim.