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Groß gewordene Kinder
Im Lyrik-Park treffen sich Satire, Kabarett und ein wahrer Held in Sachen Poetry-Slam
Von André Mumot
HILDESHEIM.
Es gibt Momente, in denen es überhaupt keine Rolle mehr spielt, ob
etwas Lyrik ist oder überhaupt Literatur – Momente, in denen etwas
eingefangen wird, das man schlichtweg als wahrhaftig bezeichnen muss.
Und wenn Mirco Buchwitz auf der Bühne steht und ins Mirkofon spricht,
gibt es diese Momente immer wieder.
„Der Erwachsene an sich“, sagt
er melancholisch, „ist eine selten gewordene Spezies. Dominierend sind
die groß gewordenen Kinder, die das Erwachsensein spielen und sich
permanent darüber wundern, dass ihre Unterschriften Konsequenzen
haben.“
Seine Texte sind Generationentexte, er spricht über sich
und die Seinen, über die 30. Geburtstage und die damit verbundenen
Alpträume, über die Erinnerungen an die Kindheit auf dem Dorf und die
Partys, die von Freitag bis Sonntag dauern: „Der Rausch am Wochenende
dient nicht der Betäubung“, erklärt er und klingt abgekämpft, „sondern
dazu, die Betäubung der Woche zu vertreiben.“
Dazu lässt er seine
eigene Musik einspielen, damit sich seine Worte wie gesprochene
Songtexte anhören, damit sie auch ihr Pathos rechtfertigen können,
ihren Schmelz aus Sehnsucht und Schönheitssuche.
Mirco Buchwitz
ist ein erstaunlicher Text-Entertainer, der Hörspiele und Kurzprosa
fertigt und hoch verdient den Poetry-Slam des WDR gewonnen hat. Jetzt
tritt er im „Lyrik-Park“ auf und schenkt diesem der Poesie gewidmeten
Wochenende auf dem Hildesheimer Marienfriedhof ein erhebendes
Aha-Erlebnis. Denn Literatur kann offensichtlich Show sein, sie kann
direkt und unaffektiert daherkommen, sie kann sich mit der Wirklichkeit
auseinandersetzen, kitschig und komisch sein und ganz hervorragend
funktionieren – wenn sie so gut ist wie die von Mirco Buchwitz.
Der
zweite „Lyrik-Park“-Abend bietet aber noch mehr. Den russischen Autor
Wjatscheslaw Kuprijanow zum Beispiel, der in Deutschland immer noch ein
Geheimtipp ist, obwohl sein Erzählungsband „Im Geheimzentrum“ es
bereits auf die SWR-Bestenliste geschaffte hat. Mit schwerem russischen
Akzent liest der 1939 geborene Gast aus Moskau aus diesen Texten, die
auf groteske Weise den ganzen Literaturbetrieb parodieren.
Auch
Gedichte trägt er vor (alles in deutscher Übersetzung, versteht sich),
die gewitzt und hintersinnig sind. Er ist damit der einzige Vertreter
einer sich noch klassisch gebenden Literatur, und so hat er es mit
seinen etwas ausschweifenden, Geduld fordernden Texten auch nicht ganz
leicht, das Publikumsinteresse aufrechtzuerhalten.
Zumal sich im
Anschluss das „Parkbankduo“ mit handfestem, ganz unlyrischem Kabarett
ankündigt. Das Duo Tumbrinck und Stani präsentiert seine ganz eigene
„Hartzreise“ – eine satirisch derbe Abrechnung mit den Klischees über
Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger.
Ruppig geht es jetzt auf der
Bühne zu und durchaus beklemmend, denn die Lebensrealitäten der
gesellschaftlich Abgehängten werden hier nicht nur mit aberwitzigen
(und manchmal etwas flachen) Gags, sondern auch mit viel
rechtschaffener Wut und Anteilnahme zur Sprache gebracht.
Kein
Elfenbeinturm der hohen Dichtkunst also. Der „Lyrik-Park“ findet seine
Helden des gesprochenen Wortes am liebsten woanders: Im Poetry-Slam
oder als Bierleiche auf der Parkbank zum Beispiel. Wer fünfhebige
Jamben sucht, kommt hier nicht weit. Wer aber pointierte Wahrheiten
finden möchte, umso weiter.
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