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Groß gewordene Kinder
15.07.2008 / Hildesheimer Allgemeine Zeitung
Kategorie: Rezension
 
 
 
Inhalt:

Groß gewordene Kinder

Im Lyrik-Park treffen sich Satire, Kabarett und ein wahrer Held in Sachen Poetry-Slam
Von André Mumot

HILDESHEIM. Es gibt Momente, in denen es überhaupt keine Rolle mehr spielt, ob etwas Lyrik ist oder überhaupt Literatur – Momente, in denen etwas eingefangen wird, das man schlichtweg als wahrhaftig bezeichnen muss. Und wenn Mirco Buchwitz auf der Bühne steht und ins Mirkofon spricht, gibt es diese Momente immer wieder.
„Der Erwachsene an sich“, sagt er melancholisch, „ist eine selten gewordene Spezies. Dominierend sind die groß gewordenen Kinder, die das Erwachsensein spielen und sich permanent darüber wundern, dass ihre Unterschriften Konsequenzen haben.“
Seine Texte sind Generationentexte, er spricht über sich und die Seinen, über die 30. Geburtstage und die damit verbundenen Alpträume, über die Erinnerungen an die Kindheit auf dem Dorf und die Partys, die von Freitag bis Sonntag dauern: „Der Rausch am Wochenende dient nicht der Betäubung“, erklärt er und klingt abgekämpft, „sondern dazu, die Betäubung der Woche zu vertreiben.“
Dazu lässt er seine eigene Musik einspielen, damit sich seine Worte wie gesprochene Songtexte anhören, damit sie auch ihr Pathos rechtfertigen können, ihren Schmelz aus Sehnsucht und Schönheitssuche.
Mirco Buchwitz ist ein erstaunlicher Text-Entertainer, der Hörspiele und Kurzprosa fertigt und hoch verdient den Poetry-Slam des WDR gewonnen hat. Jetzt tritt er im „Lyrik-Park“ auf und schenkt diesem der Poesie gewidmeten Wochenende auf dem Hildesheimer Marienfriedhof ein erhebendes Aha-Erlebnis. Denn Literatur kann offensichtlich Show sein, sie kann direkt und unaffektiert daherkommen, sie kann sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, kitschig und komisch sein und ganz hervorragend funktionieren – wenn sie so gut ist wie die von Mirco Buchwitz.
Der zweite „Lyrik-Park“-Abend bietet aber noch mehr. Den russischen Autor Wjatscheslaw Kuprijanow zum Beispiel, der in Deutschland immer noch ein Geheimtipp ist, obwohl sein Erzählungsband „Im Geheimzentrum“ es bereits auf die SWR-Bestenliste geschaffte hat. Mit schwerem russischen Akzent liest der 1939 geborene Gast aus Moskau aus diesen Texten, die auf groteske Weise den ganzen Literaturbetrieb parodieren.
Auch Gedichte trägt er vor (alles in deutscher Übersetzung, versteht sich), die gewitzt und hintersinnig sind. Er ist damit der einzige Vertreter einer sich noch klassisch gebenden Literatur, und so hat er es mit seinen etwas ausschweifenden, Geduld fordernden Texten auch nicht ganz leicht, das Publikumsinteresse aufrechtzuerhalten.
Zumal sich im Anschluss das „Parkbankduo“ mit handfestem, ganz unlyrischem Kabarett ankündigt. Das Duo Tumbrinck und Stani präsentiert seine ganz eigene „Hartzreise“ – eine satirisch derbe Abrechnung mit den Klischees über Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger.
Ruppig geht es jetzt auf der Bühne zu und durchaus beklemmend, denn die Lebensrealitäten der gesellschaftlich Abgehängten werden hier nicht nur mit aberwitzigen (und manchmal etwas flachen) Gags, sondern auch mit viel rechtschaffener Wut und Anteilnahme zur Sprache gebracht.
Kein Elfenbeinturm der hohen Dichtkunst also. Der „Lyrik-Park“ findet seine Helden des gesprochenen Wortes am liebsten woanders: Im Poetry-Slam oder als Bierleiche auf der Parkbank zum Beispiel. Wer fünfhebige Jamben sucht, kommt hier nicht weit. Wer aber pointierte Wahrheiten finden möchte, umso weiter.

 
 

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