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Urlaute im Regen
An seinem ersten Abend widmet sich der „Lyrik-Park“ mit dem Panufnik-Trio und Jaap Blonk der Klangpoesie
Von André Mumot
HILDESHEIM.
Es steht ein Mann im Park und schreit Unverständliches. Dann bellt er
wie ein Hund. Was vor allem deshalb verwunderlich ist, weil er in
seinem grauen Sakko und dem schwarzen Rollkragenpullover einen seriösen
Eindruck macht.
Jetzt schnauft und brüllt und gurgelt er auch
noch, und all die Laute, die er seiner Kehle abringt, dringen direkt in
das Mikrofon vor seiner Nase und schallen weit durch den
Marienfriedhof.
Die Jugendlichen, die hier alarmiert vom Rad
steigen, können sich wohl damit beruhigen, dass der Mann seine
komischen Geräusche auf einer Bühne zum Besten gibt. Außerdem sitzen da
einige Menschen auf Bänken, manche von ihnen lachen laut, andere machen
einen eher versunken-konzentrierten Eindruck. Vielleicht ist der
bellende Rollkragenmensch also gar nicht so verrückt, wie es scheint.
Nein,
der Niederländer Jaap Blonk ist ein weltweit gefragter Meister seines
Faches, ein Mann, der seine Kunst schon in Chicago und Wien
unterrichtet und zahllose CD-Einspielungen vorzuweisen hat: Blonk ist
Klangpoet, und er gibt Lautpoesie zum Besten. Den ersten Satz von der
„Sonate in Urlauten“ von Kurt Schwitters zum Beispiel: dadaistische
Silben, gerollte Rs, ein Keuchen und Zirpen, das nach allen Regeln des
Sonatensatzes komponiert wurde. Und lässt man sich darauf ein, wird das
Werk in dieser energetisch leidenschaftlichen Interpretation auch als
große musikalische Erfahrung hörbar. Blonk ist ein Virtuose reinsten
Wassers, und er ist nicht der einzige, der am Eröffnungsabend des
„Lyrikparks“ vors Publikum tritt.
Da die Lyrik ohne Zweifel die
musikalischste Form der Schriftstellerei darstellt, da sie so viel mit
Rhythmus, mit Betonung und eben auch mit Klang, mit der subtilen
Beziehung wiederkehrender Motive zu tun hat, gilt dieser erste Abend
ganz folgerichtig der Musik.
Die „Lyrik-Park“-Macher haben sich
fürs Feierlichste entscheiden und das „Panufnik-Trio“ aus Hannover
auftreten lassen. Arthur Pacewicz (Klavier), Pawel Zuzanski (Violine)
und Mateusz Kwiatkowski (Cello) spielen das heitere D-Dur-Trio von
Haydn und das flammende „Geistertrio“ von Beethoven, und bei ihrem
ersten Ton setzt auch der Regen ein.
Er hält nicht lange an, viele
Interessierte haben sich aber ohnehin nicht eingefunden. Als dann
Geiger Marek Dumicz die Drei ergänzt und man gemeinsam mit Schärfe, mit
Tiefe und mit Wucht das schwermütige c-Moll-Klavierquartett von Brahms
anstimmt, sitzen auf den Bänken wohl knapp zwanzig Verstreute, die auch
eher den Eindruck machen, mal zufällig vorbeigekommen zu sein. Das so
hohe Niveau dieses Kammermusikensembles (Dumicz etwa ist schon in der
Carnegie Hall zu hören gewesen) bleibt also hier nur einem kleinen
Kreis vorbehalten, was sich nicht nur für die Musiker äußerst
deprimierend gestaltet.
Aber man muss es zugeben: Das Wetter ist
ausgesprochen ungemütlich, und so tritt auch Jaap Blonk, der
atemberaubende Stimmvirtuose, nicht vor vollen Reihen auf. Der Himmel
hängt tief und dunkel an diesem ersten Abend im „Lyrik-Park“, der sich
der Musik verschrieben hat und der von den Worten Abstand nimmt.
Faszinierend ist das durchaus und macht zudem einen fast
gleichnishaften Eindruck: Die große Kunst steht eben oft im Regen und
kommt sich etwas einsam vor.
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