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Urlaute im Regen
14.07.2008 / Hildesheimer Allgemeine Zeitung
Kategorie: Rezension
 
 
 
Inhalt:

Urlaute im Regen

An seinem ersten Abend widmet sich der „Lyrik-Park“ mit dem Panufnik-Trio und Jaap Blonk der Klangpoesie
Von André Mumot

HILDESHEIM. Es steht ein Mann im Park und schreit Unverständliches. Dann bellt er wie ein Hund. Was vor allem deshalb verwunderlich ist, weil er in seinem grauen Sakko und dem schwarzen Rollkragenpullover einen seriösen Eindruck macht.
Jetzt schnauft und brüllt und gurgelt er auch noch, und all die Laute, die er seiner Kehle abringt, dringen direkt in das Mikrofon vor seiner Nase und schallen weit durch den Marienfriedhof.
Die Jugendlichen, die hier alarmiert vom Rad steigen, können sich wohl damit beruhigen, dass der Mann seine komischen Geräusche auf einer Bühne zum Besten gibt. Außerdem sitzen da einige Menschen auf Bänken, manche von ihnen lachen laut, andere machen einen eher versunken-konzentrierten Eindruck. Vielleicht ist der bellende Rollkragenmensch also gar nicht so verrückt, wie es scheint.
Nein, der Niederländer Jaap Blonk ist ein weltweit gefragter Meister seines Faches, ein Mann, der seine Kunst schon in Chicago und Wien unterrichtet und zahllose CD-Einspielungen vorzuweisen hat: Blonk ist Klangpoet, und er gibt Lautpoesie zum Besten. Den ersten Satz von der „Sonate in Urlauten“ von Kurt Schwitters zum Beispiel: dadaistische Silben, gerollte Rs, ein Keuchen und Zirpen, das nach allen Regeln des Sonatensatzes komponiert wurde. Und lässt man sich darauf ein, wird das Werk in dieser energetisch leidenschaftlichen Interpretation auch als große musikalische Erfahrung hörbar. Blonk ist ein Virtuose reinsten Wassers, und er ist nicht der einzige, der am Eröffnungsabend des „Lyrikparks“ vors Publikum tritt.
Da die Lyrik ohne Zweifel die musikalischste Form der Schriftstellerei darstellt, da sie so viel mit Rhythmus, mit Betonung und eben auch mit Klang, mit der subtilen Beziehung wiederkehrender Motive zu tun hat, gilt dieser erste Abend ganz folgerichtig der Musik.
Die „Lyrik-Park“-Macher haben sich fürs Feierlichste entscheiden und das „Panufnik-Trio“ aus Hannover auftreten lassen. Arthur Pacewicz (Klavier), Pawel Zuzanski (Violine) und Mateusz Kwiatkowski (Cello) spielen das heitere D-Dur-Trio von Haydn und das flammende „Geistertrio“ von Beethoven, und bei ihrem ersten Ton setzt auch der Regen ein.
Er hält nicht lange an, viele Interessierte haben sich aber ohnehin nicht eingefunden. Als dann Geiger Marek Dumicz die Drei ergänzt und man gemeinsam mit Schärfe, mit Tiefe und mit Wucht das schwermütige c-Moll-Klavierquartett von Brahms anstimmt, sitzen auf den Bänken wohl knapp zwanzig Verstreute, die auch eher den Eindruck machen, mal zufällig vorbeigekommen zu sein. Das so hohe Niveau dieses Kammermusikensembles (Dumicz etwa ist schon in der Carnegie Hall zu hören gewesen) bleibt also hier nur einem kleinen Kreis vorbehalten, was sich nicht nur für die Musiker äußerst deprimierend gestaltet.
Aber man muss es zugeben: Das Wetter ist ausgesprochen ungemütlich, und so tritt auch Jaap Blonk, der atemberaubende Stimmvirtuose, nicht vor vollen Reihen auf. Der Himmel hängt tief und dunkel an diesem ersten Abend im „Lyrik-Park“, der sich der Musik verschrieben hat und der von den Worten Abstand nimmt. Faszinierend ist das durchaus und macht zudem einen fast gleichnishaften Eindruck: Die große Kunst steht eben oft im Regen und kommt sich etwas einsam vor.

 
 

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